Mexiko

Gesellschaft
Familie
Knigge
Kultur
Die andere Seite

Ich möchte wohl wissen, wie ein europäisches Volk aussehen möchte, das hundert Jahre Revolution, politische Unruhen, Aufstände, Parteienkämpfe, bewaffneten Einbruch und skrupellose Vergewaltigung durch Franzosen, Amerikaner, Engländer, Aufdrängung eines Kaisers fremder Rasse und ein ständiges Intrigenspiel der römischen Kirche hinter sich hat, wie das beim mexikanischen Volk der Fall ist. Das alles durchzumachen und sich dennoch immer wieder aufzurichten, immer wieder aufzubauen, nie zu verzagen, nie die Unabhängigkeit aufzugeben, das alles beweist eine solche Zähigkeit, einen solchen unbeugsamen Lebenswillen, wie er wohl nur bei wenigen Völkern gefunden werden dürfte."

(B. Traven in "Mexiko - Land des Frühlings")

Familie

Die Großfamilie als Stütze der Gesellschaft Die Rolle der Familie ist in jeder Kultur entscheidend für die gesellschaftliche Struktur des Landes und für seine politische Struktur des Landes und für seine politische Stabilität. Familie wird in Mexiko noch weitgehend traditionell, konservativ verstanden und entsprechend gelebt.

An den Familienstrukturen, auch am Bild einer idealen Familie, hat sich seit vielen Jahrhunderten in Mexiko wenig geändert. Selbst die enorme Bevölkerungsexplosion seit Anfang der vierziger Jahre, die gravierende soziale Veränderungen mit sich brachte, die rapide Industrialisierung, der Ölboom und die rasante Urbanisierung vermochten an der Grundstruktur der mexikanischen Familie nicht zu rütteln. So prägt die Familie weiterhin den einzelnen Menschen weit mehr, als dies in europäischen Ländern Kindergarten, Schule, Freizeitgruppen und Studienkommilitonen tun. Auch nach der Jahrtausendwende leben noch fast 90 Prozent der Mexikaner in einer Familie, während etwa in der Bundesrepublik Deutschland ca. 50 Prozent aller Haushalte aus Singles bestehen. Ein weiterer Unterschied ist augenfällig: Während die meisten mitteleuropäischen Familien aus Eltern und ein bis zwei Kindern bestehen, umfasst eine typische mexikanische Familie neben Vater, Mutter, Söhnen und Töchtern oftmals auch Neffen und Nichten, Onkel und Tanten, deren Ehepartner verstorben sind, Cousins und Cousinen und - zumindest in wohlhabenden Verhältnissen - die verschiedenen Hausangestellten wie Kindermädchen, Gärtner, Chauffeur und Dienstmagd.

Die Großfamilie fungiert in Mexiko auch als die wichtigste Wohlfahrtsinstitution, noch vor der Kirche, und gleicht soziale Not aus. Wird ein Familienangehöriger arbeitslos, arbeitsunfähig oder krank, kann er sich auf seine Familie (nicht dagegen auf Zahlungen seines Arbeitgebers oder des Staates) verlassen. Die Familie fügt dann den Bohnen eben mehr Wasser hinzu, damit es für einen weiteren Esser reicht - so formulierte es in den siebziger Jahren der damalige Präsident López Portillo, als er die sozialen Auswirkungen einer augenblicklichen Wirtschaftskrise charakterisierte. Die mexikanische Großfamilie ist überaus selbstgenügsam: Man umgibt sich mit den zahlreichen Verwandten, findet Spielkameraden unter den Cousins und Cousinen und ist so mit Freunden ausreichend versorgt. Die Kehrseite der Medaille ist der Umstand, dass angeheiratete Verwandte lange Zeit als Fremdkörper gelten und mit besonderer Dienstfertigkeit und Freundlichkeit gegenüber den Alteingesessenen um deren Gunst buhlen müssen.

Knigge

Wer als Reisender den Menschen, die er unterwegs trifft, respektvoll und zurückhaltend gegenübertritt, kann eigentlich kaum etwas falsch machen. Vielleicht sollte man auch daran denken, dass das eigene Verhalten mit dem Land, aus dem man kommt, assoziiert wird und damit dazu beitragen kann, Vorurteile ab- oder auch aufzubauen.

Es gibt natürlich regionale Unterschiede und die Menschen in der Stadt sind in manchen Dingen viel liberaler als auf dem Land. Die Mexikaner mit "etwas mehr" Geld, möchten sich auch von den "ärmeren" Mexikanern unterscheiden. Dies schlägt sich in Verhalten, Kleidung und auch Hautfarbe nieder. Es kann schon vorkommen, dass die Reicheren die Sonne meiden, weil sie von der Hautfarbe nicht mit den Indios oder Ärmeren gleichgesetzt werden wollen. Mexikaner gehen höflicher miteinander um als Deutsche. Vor allem beim Kennen lernen sowie bei offiziellen Anlässen, Behördengängen etc. wird sogar eine gewisse Förmlichkeit sehr geschätzt. Dies äußert sich z. B. in Floskeln wie ¡Pase adelante! ("Treten Sie doch ein!", vorher sollte man selbiges denn auch nicht tun) oder ¡Con permiso! ("Gestatten Sie!", etwa wenn man sich durch den vollen Bus drängelt).

Bei Begrüßungen gibt jeder jedem die Hand, auch wenn das Ganze dadurch etwas länger dauert. Befreundete Männer umarmen sich oft, Frauen geben sich einen Kuss auf die Wange. Immer, wenn mehrere Leute irgendwo auf etwas warten, bilden sie eine Schlange. Vordrängeln ist sehr grob und unhöflich.

Da besonders Ausländer stark nach ihrem Äußeren beurteilt werden, ist angemessene Kleidung sehr wichtig. Am besten passt man sich den einheimischen Gepflogenheiten an (was keineswegs bedeutet, nur noch in Indianertracht herumzulaufen): Männer tragen (außer am Strand) keine kurzen Hosen, Frauen sollten auf freizügige Kleidung verzichten und auf jeden Fall einen BH tragen. Männer mit Ohrringen gelten bestenfalls als unmännlich. Natürlich ist In den großen Städten die Sichtweise etwas anders, doch mit Zurückhaltung machen Sie nichts falsch!

Bei privaten Treffen verabredet man sich meist in einem Café o.ä. Eine Einladung nach Hause ist bereits ein großes Zeichen der Verbundenheit, allerdings nur ernst zunehmen, wenn sie ein zweites Mal bestätigt wurde. Es ist dann durchaus üblich, ein kleines Geschenk mitzubringen. Mexikanische Pünktlichkeit bedeutet, frühestens eine halbe Stunde nach der vereinbarten Zeit zu kommen.

Mittagsruhe: Zwischen ca. 14 und 17 Uhr läuft das Leben in Mexiko auf Sparflamme, denn dann hält man Siesta. Man tut gut daran, diese nicht zu stören.

Fotografieren: Dass man nicht hemmungslos Menschen fotografiert, ohne sich vorher in irgendeiner Form ihrer Einwilligung vergewissert zu haben, sollte eigentlich selbstverständlich sein. Oft wird einem zu verstehen gegeben werden, dass das Foto eine Kleinigkeit kostet. Man kann dem verewigten ja auch anbieten, ihm einen Abzug zu schicken. Die Kritik an den Verhältnissen in ihrem Land überlässt man besser den Mexikanern selbst, andernfalls gilt man schnell als arrogant und besserwisserisch.

90 % der Touristen, die Mexiko bereisen, kommen aus den USA, mit denen die Mexikaner eine Art Hassliebe verbindet. Man wird daher automatisch zunächst einmal für einen Ami gehalten und gleich viel vorurteilsfreier betrachtet, wenn man sich als Europäer zu erkennen gibt. Die berühmte mordida (wörtlich.: "kleiner Biss") ist ein mehr oder weniger großer Geldbetrag, durch den die verschiedensten Vorgänge ermöglicht, verhindert, beschleunigt oder verlangsamt werden. Dies dient normalerweise beiden Seiten und hat in den Augen der Mexikaner nicht unbedingt etwas mit Bestechung zu tun. Bieten Sie trotzdem niemandem direkt eine mordida an, sondern warten Sie besser ab, bis man Ihnen diese Möglichkeit signalisiert.

Die Bezeichnung Indios für die Ureinwohner Lateinamerikas klingt nicht nur im Deutschen diskriminierend. Statt dessen verwendet man besser den Begriff indígenas (sowohl für Männer als auch für Frauen), was "Einheimische" bedeutet.

Kultur

Mexiko ist eine alte Kulturnation, die sich in der Tradition präkolumbianischer Hochkulturen einerseits und des kolonialspanischen Erbes andererseits sieht. Mexiko Stadt ist eines der bedeutendsten Kulturzentren Lateinamerikas. Das Kulturangebot der Stadt (Museen, Theater, Orchester, Ballett, Literatur, Bildende Kunst) hat Weltniveau. Aber auch mexikanische Provinzstädte bieten ein oft erstaunliches kulturelles Angebot.

Kulturpolitik findet in Mexiko weitgehend auf Bundesebene statt. Die zentrale Koordinierung obliegt dem Nationalrat für Kultur und Kunst (Conaculta). Doch verfügen auch die einzelnen Bundesstaaten und Gemeinden über Kultureinrichtungen und -budgets.

21 Stätten sind in Mexiko von der UNESCO als Weltkulturerbe registriert. Dabei handelt es sich um präkolumbianische, aber auch um kolonialspanische Anlagen. Die Bemühungen des Nationalinstituts für Anthropologie und Geschichte (INAH) um die Erforschung und Bewahrung des mexikanischen geschichtlichen Erbes sind vorbildlich. Mexikanische Museen und archäologische Anlagen sind in aller Regel einen Besuch wert.

Dies darf nicht darüber wegtäuschen, dass Mexiko ein im Bildungsbereich für die Masse der Bevölkerung noch immer rückständiges Land ist. 10 % der Mexikaner können weder lesen noch schreiben (hinzu kommen zahlreiche funktionale Analphabeten). Unter der indigenen Bevölkerung steigt der Anteil der Analphabeten auf 40 %, bei deren Frauen gar auf 70 %. Der Durchschnittsmexikaner besucht die Schule keine acht Jahre lang. Staatliche Grundschulen sind häufig von schlechter Qualität, so dass die Mittel- und Oberschicht sowie im Lande ansässige Ausländer ihre Kinder in der Regel auf teure Privatschulen schicken.

Das Universitätssystem kann, trotz akuter Finanzsorgen, in Teilbereichen zwar durchaus mit dem europäischer Staaten mithalten. An mexikanischen Universitäten gibt es fast 2 Millionen Studenten und über 200.000 Lehrkräfte. Ein fast einjähriger Streik an der UNAM, der mit über 250.000 Studenten größten Universität des Landes in Mexiko-Stadt, hat 1999/2000 dem staatlichen mexikanischen Universitätssystem aber sehr geschadet und gleichzeitig dem schon seit Jahren zu beobachtenden raschen Wachstum von an nordamerikanischen Modellen orientierten, elitären Privatuniversitäten weitere Impulse verliehen. Es bleibt abzuwarten, ob es der neuen Regierung unter Präsident Fox gelingen wird, die notwendigen Reformen im Bildungs- und insbesondere im Universitätssektor erfolgreich durchzuführen.

Die andere Seite Mexikos

Mexiko ist ein wunderschönes und reiches Land. Es gibt kein Land der Erde, das so einzigartig schön und vielfältig ist. Mexiko ist jedoch ein Land der absoluten Gegensätze. So schön dieses Land ist, so hässlich kann es auch sein. So vielfältig es ist, so einseitig kann es auch sein.

Grob umrissen gibt es in Mexiko eine kleine enorm reiche Oberschicht, ein armes Stadtproletariat und eine zum Teil noch bitterarme Landbevölkerung.
Land- und Arbeitslosigkeit fördern die Landflucht bzw. die Abwanderung aus Regionen mit wenig Zukunftschancen in Gebiete, die Beschäftigung und sozialen Aufstieg versprechen. Man macht sich auf in Industrie-Großstädte, in Gegenden mit großräumiger Agrarentwicklung.

In Mexikos Städten kann sich nur eine kleine Oberschicht allgemeinen Wohlstands erfreuen (darunter gibt es auch viele Superreiche!), ein gutsituierter Mittelstand fehlt fast ganz. Das städtische Heer ungelernter Hilfsarbeiter überwiegt bei weitem. Es fristet seine ärmliche Existenz als Tagelöhner, Straßenverkäufer oder Hauspersonal. Auch Kinderarbeit ist die Regel. Die Frauen sind meist als Haushaltshilfen - muchachas - angestellt. Wer es gut hat, nennt eine bescheidene Wohnung sein eigen. Unzählige andere hausen aber auch am Rand der Großstädte in wilden Siedlungen, in den ciudades perdidas, in den "verlorenen Städten" mit Hütten aus Wellblech, Holz und Pappe. Schon längst hat der Staat es aufgegeben, dagegen anzukämpfen. In der Regel legalisiert er nach einigen Jahren die illegalen Landbesetzungen.

In Mexiko-Stadt streunen zehntausende Kinder und Jugendliche durch die Straßen, man nennt sie niños callejeros und sie stammen meist aus zerbrochenen Familien. Sie nächtigen in verlassenen Häusern und in Metro-Luftschächten und mit Gelegenheitsarbeiten und als Straßenverkäufer schlagen sie sich durch. In den Rotphasen der Ampeln schwärmen sie durch die Autokolonnen und bieten Zeitungen, Lotterielose, chicles, Rosen, Sonnenbrillen, Kämme und andere nützlich-unnütze Dinge an, dabei stundenlang im Auspuffqualm stehend. Oder sie breiten ihr Angebot wie die anderen ambulantes auf Gehsteigen und an Metro-Eingängen aus, sie bewachen parkende Autos, putzen deren Scheiben oder die Schuhe von Passanten und einige artistisch begabte produzieren sich auch als bällejonglierende Straßengaukler.

In ihrer hoffnungslosen Lage "schnüffeln" auch viele Benzin, Leim oder Lösungsmittel, die eingeatmeten giftigen Dämpfe lassen Hunger, Kälte und Einsamkeit vergessen. Straßenkinder sind oft auch Opfer polizeilicher Erpressung, denn als Gegenleistung für ungehindertes "Arbeiten" verlangen korrupte Uniformierte Anteile am kargen Einkommen der Kinder. Wer nicht zahlt, wandert hinter Gitter, das förderte eine Studie der sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität UNAM zutage, die sich mit dem Los der Kinder in Mexiko-Stadt beschäftigte. Private Organisationen wie z.B. la Casa Alianza, die sich um die callejeros bemühen, haben viel zu wenig Mittel und ihr Engagement ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Nicht nur für die Straßenkinder, auch allgemein für die Menschen Mexikos, die wenig haben, insbesonders für mittellose Mütter und deren Kinder, ist jeder Tag ein Kampf aufs Neue.

Mehr Informationen unter
www.omex.de