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Jenseits von Mythos und Boom
Einblicke in die mexikanische Gegenwartsliteratur
von Friedhelm Schmidt-Welle

mit freundlicher Genehmigung von Matices, der Zeitschrift zu Lateinamerika, Spanien und Portugal
die über das vollständige Copyright verfügt.

Hierzulande wird mexikanische Literatur noch immer mit den großen Namen der bis etwa 1930 geborenen Generation, Octavio Paz, Carlos Fuentes, Juan Rulfo, Rosario Castellanos, Juan José Arreola sowie den Autoren des Revolutionsromans assoziiert. Die mittlere und jüngere Generation mexikanischer Schriftsteller/innen, die seit den 60er Jahren publizieren, ist dagegen weitgehend unbekannt geblieben, sieht man einmal von solchen Ausnahmeerfolgen wie Ángeles Mastrettas Arráncame la vida, Laura Esquivels Como agua para chocolate oder den Kriminalromanen Paco Ignacio Taibo II’s ab.
Die Gründe für diese relative Unkenntnis sind nicht nur im abnehmenden Interesse an Lateinamerika bei gleichzeitigem Rückzug auf die so genannt naheliegenden Probleme in den unmittelbaren politischen Einflusssphären zu suchen, sondern auch in einer festgefügten Vorstellung von lateinamerikanischer Literatur beim potenziellen Publikum. Lateinamerikanische Literatur, das sind noch immer die zu hundert Jahren Einsamkeit verdammten Figuren von nahezu mythischen Ausmaßen, die Welten umspannenden Entwürfe wie Cortázars Rayuela oder Fuentes’ Terra nostra oder die in der hiesigen Rezeption aus ihrem argentinischen Kontext herausgelösten fantastischen Erzählungen von Jorge Luis Borges als Modell postmodernen Schreibens. Lateinamerika, so mag es angesichts der Praxis der großen Verlage scheinen, hat seit den Tagen des literarischen Boom keine relevanten Autoren/Autorinnen mehr hervorgebracht - es sei denn, sie führen wenigstens stilistisch die Schreibweise eines Gabriel García Márquez fort, wie sich am Erfolg von Isabel Allendes La casa de los espíritus ablesen lässt.

Dass all dies weit mehr auf die Gesetze des Buchmarktes und den genannten Erwartungshorizont zurückzuführen ist als auf die Abwesenheit literarischer Qualität in der neueren Literatur des Subkontinents, zeigt ein genauerer Blick auf die Prosa der bei uns noch weitgehend unbekannten Autorinnen/Autoren. Die Literaturszene in Mexiko erweist sich dabei als besonders vielfältig. Und das nicht etwa, weil es in anderen Ländern Lateinamerikas weniger interessante Literatur gäbe, sondern weil die Möglichkeiten zur Publikation angesichts der ökonomischen Situation und des rudimentär funktionierenden Buchmarktes in vielen Staaten hier noch vergleichsweise gut sind.

Ich will hier nicht beanspruchen, einen Überblick über die mexikanische Literatur seit 1980 zu geben - dazu würde der Platz bei einer so vielfältigen Literatur wohl kaum ausreichen. Vielmehr möchte ich einen Einblick in die Erzählliteratur einiger Autorinnen und Autoren geben, die unterschiedliche Richtungen der Gegenwartsliteratur repräsentieren.


Die Literatur der politischen Krise
Die Prosa der letzten 20 Jahre ist von den politischen und ökonomischen Krisen Mexikos, von historischen Traumata, den Auswirkungen unvollständiger Modernisierung, den ethnischen Konflikten, der Migration, der fortwährenden Verstädterung nicht unbeeinflusst geblieben. So vermischen sich in José Agustíns 1986 erschienenem Roman Cerca del fuego verschiedene Zeitebenen und Ereignisse der mexikanischen Geschichte zu einem unentwirrbaren Delirium: Die US-amerikanische Intervention während der Revolution, das Massaker von Tlatelolco an protestierenden Studenten und Arbeitern im Jahre 1968, die durch die Erklärung der Zahlungsunfähigkeit Mexikos 1982 ausgelöste Schuldenkrise, die bei Erscheinen des Romans noch ungebrochene Alleinherrschaft der PRI sind Indizien für die fortwährende Geschichte der politischen Unterdrückung in Mexiko.
Das Massaker von Tlatelolco wurde für viele mexikanische Künstler/innen zum Trauma. Bis in die 80er Jahre hinein wird es literarisch verarbeitet, auch wenn längst nicht alle Versuche, das Ereignis zu bewältigen, als gelungen bezeichnet werden können. Tlatelolco löst die erste große Krise im Verhältnis von Intellektuellen und Staat seit der Revolution aus (Octavio Paz dankt als Botschafter ab, José Revueltas wird inhaftiert). Die Identifikation vieler Künstler/innen mit dem mexikanischen Weg einer nationalen Modernisierung zerbricht daran. Nicht von ungefähr bezeichnet Héctor Aguilar Camín Tlatelolco im Roman Morir en el Golfo als “das Ende des mexikanischen Wunders und den Beginn unseres Erwachsenenlebens.” Neben einer Reihe von Werken, die eher einer Art ‘Betroffenheitsliteratur’ zuzurechnen sind, hat Tlatelolco auch ein Genre aus der Kolonialzeit in neuer Form wiederbelebt: die Chronik. Elena Poniatowskas La noche de Tlatelolco von 1970 gehört zu den ersten Versuchen in diesem Genre, das ab Mitte der 80er Jahre seine Blüte erlebt.

Das Ende des Erdölbooms und damit der wirtschaftliche Niedergang des Landes lösen zu Beginn der 80er Jahre eine politische Krise aus, die in der Literatur als Krise der staatlichen Institutionen repräsentiert wird. Immer pointierter wird die staatstragende Vetternwirtschaft der PRI als ein Dschungel aus Korruption, Intrigen und politischen Morden entlarvt. In Aguilar Camíns Morir en el Golfo geht es um den Kampf zwischen einem karrierewütigen Lokalpolitiker und einem Kaziken, der sowohl eine Erdölgesellschaft als auch die entsprechende Gewerkschaft im Bundesstaat Veracruz beherrscht. Parteipolitik wird hier als bloße Fassade des allgegenwärtigen Klientelismus dargestellt, der die mexikanische Politik bis heute beherrscht.

Während dieser Machtkampf durch einen Journalisten beschrieben wird, der die Intrigen und politischen Morde aufzudecken versucht, stellt Ángeles Mastretta in Arráncame la vida die politische Korruption sozusagen aus der “Küchenperspektive” der Ehefrau eines Kaziken dar, die erst im Verlauf von Jahrzehnten die Verbrechen ihres Mannes allmählich begreift und sich langsam von ihrer traditionellen Rolle zu lösen beginnt. Wird sie zu Beginn noch buchstäblich an den Herd verbannt, wenn die Männer während ihrer Bankette und Saufgelage über die Geschicke des Landes entscheiden, so versucht sie später selbst Einfluss auf die Politik zu nehmen, soweit ihr despotischer Ehemann das überhaupt zulässt. Mastrettas Roman lässt die Zeit der späten 30er und 40er Jahre Revue passieren, in denen “die mexikanische Revolution stirbt und nur noch als Rhetorik bestehen bleibt”, wie José Agustín es einmal treffend bezeichnet hat.

Interessant an Mastrettas Bestseller ist allerdings weniger die oft moderate Kritik der politischen Zustände, sondern die Mischung aus Politthriller und bisweilen kitschiger Liebesgeschichte; das alles in leicht zugänglichem, manchmal fast trivial anmutendem Stil, der die Muster des sentimentalen Frauenromans parodiert. Darin ist auch das Bestreben erkennbar, sich stilistisch von den Epigonen der lateinamerikanischen Literatur der 60er Jahre (García Márquez, Fuentes, etc.) abzusetzen und zu einer eigenen Sprache jenseits der weltumspannenden Entwürfe dieser Autoren zu kommen. Mastretta behält diese Schreibweise auch in ihrem späteren, ebenfalls im weitesten Sinne historischen Roman Mal de amores bei.

Die Einbeziehung der Umgangssprache kennzeichnet auch die Kriminalromane Paco Ignacio Taibos, in denen ebenfalls das korrupte politische System in Mexiko kritisiert wird. Auch wenn der Held seiner Krimis, der Privatdetektiv Héctor Belascoarán Shayne, stets die ihm angetragenen Fälle zu lösen weiß, bleibt doch immer ein bitterer Nachgeschmack, denn Belascoarán dringt nur bis zu den unmittelbar Beteiligten vor, ohne je die Hintermänner der Verbrechen dingfest machen zu können. Taibos Anklage gegen die Mächtigen im Lande ist trotz einer realistischen Einschätzung staatlicher Unterdrückung von einem romantischen Anarcho-Syndikalismus geprägt, der dazu führt, dass er sich - im Gegensatz zu seinen historischen Sachbüchern - auf politische Utopien zurückzieht. Die Aktualität seiner Kritik am undurchdringlichen Parteienapparat, der vor Auftragsmorden nicht zurückschreckt, wurde Mitte der 90er Jahre angesichts einer Reihe politisch motivierter Morde an führenden PRI-Mitgliedern noch einmal besonders deutlich.


Megalopolis und (Zivil-)Gesellschaft im Umbruch
Die Literatur, die sich der politischen Zustände annimmt, erhält mit den Erdbeben vom September 1985 neue Perspektiven. Die Beben, die Zehntausende von Todesopfern fordern, und die besonders das Zentrum von Mexiko-Stadt verwüsten, werden für viele Künstler/innen, v.a. aber für große Teile der Bevölkerung der Megalopolis zu einem ähnlich traumatischen Ereignis wie das Massaker von Tlatelolco. Cristina Pacheco notiert dazu in Zona de desastre, ihrer Chronik der Ereignisse: “Diese vielfältige, fragmentierte, chaotische Stadt, der man nie einen Stil hat aufzwingen können, wurde nicht einmal durch die Katastrophe zusammengefügt. Die Armen starben oder verloren alles; die Reichen blieben unversehrt und sicher. Zwei Minuten Schwanken und Erschütterung reichten aus, damit der Gigant seine Ohnmacht, seine Verletzbarkeit, die Größe seines Elends und seiner Würde zur Schau stellte; trotzdem waren sie nicht genug, um die Welten zu vereinigen, welche diese Stadt Mexiko bilden. In dieser kurzen Zeit öffnete sich eine Wunde, die sich in unserer Erinnerung niemals schließen wird ...”
Der Schock, den die Beben auslösen und die Notwendigkeit, die Rettungsmaßnahmen selbst zu organisieren, weil die sich paternalistisch gebenden staatlichen Institutionen im Angesicht der Katastrophe völlig versagen, hat eine Welle der Solidarität in der Bevölkerung zur Folge, die nun erst recht ihr Leben - und Überleben - im Großstadtmoloch in die eigenen Hände nimmt. Die “Selbst-Organisation der Zivilgesellschaft”, wie Carlos Monsiváis diese Reaktion auf die Katastrophen der 80er Jahre treffend bezeichnet, scheint auch eine andere Literatur zu erfordern; eine Literatur, welche unmittelbarer als zuvor an der Organisierung des Alltags durch die “neuen sozialen Bewegungen” teilhat. Die Chronik als eine Mischung aus journalistischer Reportage, Augenzeugenberichten und politisch erzählendem Essay kommt diesem Anspruch am nächsten. Sie wird zur bevorzugten literarischen Form der Verarbeitung der Ereignisse vom September 1985. Carlos Monsiváis, Cristina Pacheco, Elena Poniatowska, um nur einige zu nennen, publizieren solche Chroniken, deren einzelne Kapitel zuerst als Artikel in liberaleren Tages- und Wochenzeitungen erscheinen. Die Chronik wird zum Mittel der Selbstvergewisserung und der Verständigung zwischen den einzelnen Gruppierungen, die sich um eine demokratische Organisation des Lebens bemühen. Sie ist unmittelbarer Ausdruck der Versuche, die politische Krise des Landes in den Griff zu bekommen. Allerdings führt diese Unmittelbarkeit dazu, dass die historischen Zusammenhänge wegen der Konzentration auf die aktuelle Lage zu verschwinden drohen.

Während in den Chroniken die Erdbeben oft als auslösendes Moment für die politische Krise und die Probleme der Megalopolis dargestellt werden, erscheinen sie in Rafael Ramírez Heredias Roman La jaula de Dios als Kulminationspunkt und möglicher Umschwung der Krise. Ramírez Heredia, der neben Romanen und Krimis auch einige preisgekrönte Erzählungen veröffentlicht hat, gehört sicher zu den spannendsten Autoren der zeitgenössischen mexikanischen Literatur, obwohl er hierzulande nahezu unbekannt ist. La jaula de Dios ist ein Kaleidoskop unterschiedlicher Stadterfahrungen. Was zunächst wie eine - stilistisch an John Dos Passos’ Manhattan Transfer und Fuentes’ La región más transparente erinnernde - Montage aus zufälligen Begegnungen erscheint, entpuppt sich im Laufe des Romans als ein Mosaik, aus dem nach und nach ein Bild des Alltagslebens, der korrupten Politik und der Gewalt in Mexiko-Stadt entsteht.


Vom Wohnen in den Geschichten
Die vielfältigste Gattung der mexikanischen Literatur seit 1980 ist jedoch die Erzählung. In ihr zeigt sich die ganze Bandbreite literarischer Ausdrucksformen und formaler Experimente. Einschränkend muss man allerdings sagen, dass es auch in Mexiko in den 90er Jahren schwieriger geworden ist, Erzählungen zu publizieren. Der Roman hat v.a. mit der Hinwendung zu einer alternativen Geschichtsschreibung in den neueren historischen Romanen erneut an Terrain gewonnen, so etwa mit den Werken von Fernando del Paso, Herminio Martínez und Carlos Fuentes’ La campaña und Los años con Laura Díaz.
Guillermo Samperio hat in der Erzählung Ella habitaba un cuento durch einen Vergleich von Architektur und Literatur sehr anschaulich das Ideal dieses Genres umrissen: “Der Schriftsteller ... ist ein Künstler des Worts, er entwirft Geschichten und Sätze, damit der Leser im Text wohnt. Ein Haus und eine Erzählung sollen solide gebaut, funktional, notwendig und dauerhaft sein. Damit man sich in einer Erzählung bewegen kann, muss man in ihr gewissermaßen ohne Hindernisse von der Stube in die Küche und vom Schlaf- ins Badezimmer gelangen können. Keine überflüssigen Säulen, keine überflüssigen Wände. Die verschiedenen Abschnitte der Erzählung oder die Wohnung sollen unentbehrlich und genau gearbeitet sein. Literatur wird geschrieben, Häuser werden gebaut, damit der Mensch ohne Schwierigkeiten in ihnen wohnt.”

Der Anspruch, die Erzählung auf das absolut Notwendige zu verkürzen, steht in krassem Gegensatz zur barock anmutenden, ausufernden Sprache der Literatur von García Márquez, Carpentier und Fuentes, aber auch zu den Metaebenen postmoderner Prosa. Gerade diese knappe Sprache ist aber ein wesentliches Kennzeichen heutiger mexikanischer Literatur, sieht man einmal von Fernando del Paso ab, der in Palinuro de México und Noticias del imperio die Tradition ‘barocker’ Schreibweise fortsetzt.

Die oft lakonische Erzählweise der jüngeren mexikanischen Schriftsteller/innen kann sich allerdings auf eine hinter den Boom zurückgehende Tradition berufen, die in Mexiko durch Erzähler wie Julio Torri, Juan José Arreola, Juan Rulfo und Augusto Monterroso geschaffen wurde. Besonders Monterrosos essayistische Kurzprosa und Fabeln gelten in stilistischer Hinsicht als Vorbild. Eindrucksvoll wird diese Tradition mexikanischer “Kleinsterzählungen” von Bernarda Solís in dem Band Mi vida privada es del dominio público fortgeführt, wobei ihre Kurzprosa durch eine feministische Perspektive sowie durch das Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen an den Kreuzungspunkten der Metropole Mexiko-Stadt bereichert wird. Traditionelle Volkskultur trifft hier auf das moderne städtische Leben; phantastische und Traumelemente mischen sich mit Szenen des Alltags.

Die Kritik der Geschlechterbeziehungen und des Machismo, die in den Erzählungen von Solís erscheint, ist eines der vordringlichen Themen der zeitgenössischen mexikanischen Frauenliteratur, auch wenn es selten so humorvoll dargestellt wird wie bei ihr. Die Bandbreite dieser Thematik reicht von den Bemühungen, sich von der traditionellen Frauenrolle zu emanzipieren (wie z.B. in Aline Petterssons Erzählungen), über den Bruch mit bornierten, unsensiblen, den Machismo kultivierenden Männern (in Ethel Krauzes La mula en la noria) bis zu Versuchen, sich als Frau neu zu definieren, wie in Dorelia Barahonas Novelle De qué manera te olvido. Barahonas Erstlingswerk ist die Geschichte dreier Frauen seit den Tagen ihrer Jugendfreundschaft. Aber die Protagonistinnen sind keine umfassend dargestellten, großen literarischen Figuren mehr, sondern sie erscheinen als Spektrum der Möglichkeiten einer einzigen Frau, die sich in jedem Moment ihres Lebens für einen der Wege entscheiden kann bzw. muss, die durch die Figuren vorgegeben werden. So wird der Spielraum deutlich, innerhalb dessen Emanzipation in einer machistisch geprägten Gesellschaft vorangetrieben werden kann. Carmen Boullosa geht in ihren Romanen noch einen Schritt weiter, indem sie (v.a. in Son vacas, somos puercos und Duerme) die Geschlechterbeziehungen und die patriarchalen Herrschaftsstrukturen in historischer Perspektive kritisiert.Solís

Nicht Identität, sondern Diversität
Auffällig ist eine gewisse Obsession der mexikanischen Gegenwartsliteratur für jugendliche Protagonisten. Im bereits vorgestellten Roman La jaula de Dios von Rafael Ramírez Heredia spielen sie eine ebenso zentrale Rolle wie in den Erzählungen Ethel Krauzes, Bárbara Jácobs’ oder Juan Villoros. Ähnlich wie bei der Prosa der Schriftsteller der sogenannten ‘La Onda’ der 60er Jahre scheint mir dieses Phänomen ein Anzeichen dafür zu sein, dass die Autorinnen/Autoren sich um eine neue Definition ihrer Rolle wie auch der mexikanischen Gesellschaft bemühen. Eine zentrale Stellung kommt hierbei José Agustín zu, der ja bereits zu den wichtigsten Erzählern der ‘La Onda’ gehörte. In seinem dreibändigen Essay Tragicomedia mexicana kritisiert er die überkommenen Ideen zum angeblich festgefügten ‘Charakter’ der Mexikaner, zu jener ‘Mexikanität’, die Octavio Paz in seinem Essay El laberinto de la soledad beschworen hatte. Sara Sefchovich kritisiert in Demasiado amor ebenfalls Paz’ Idee einer einzigen, mexikanischen Identität und besonders sein Frauenbild, das sich in der Reduzierung auf die Extreme der verräterischen Hure in Gestalt der Malinche und der mexikanischen Nationalheiligen, der Jungfrau von Guadalupe, erschöpft.
Die neuere mexikanische Literatur ist insofern auch eine Ablösung von den literarischen ‘Übervätern’ aus den Zeiten des Booms. Nicht mehr eine einzige, mythisch verklärte kulturelle Identität deklarieren heute die Schriftsteller/innen, sondern eine Vielzahl unterschiedlicher und teils widersprüchlicher Identitäten und Lebensentwürfe. Auch wenn die Gegenwartsliteratur in der Hauptsache städtisch geprägt ist - was auf den kulturpolitischen Zentralismus zurückzuführen sein dürfte -, so gibt es doch immer wieder Autoren wie Eraclio Zepeda oder Hernán Lara Zavala, die das Leben der Provinz und der indigenen Gruppen darstellen und die ein Gegengewicht zur Beschreibung des Alltagslebens in Mexiko-Stadt bilden.

Darüber hinaus ist mit den gegenwärtigen Umbrüchen in der mexikanischen Gesellschaft auch eine Tendenz zur kulturellen Dezentralisierung verbunden, die erste zarte Blüten treibt. So lässt sich in den Zentren des Nordens, v.a. in Monterrey und Tijuana, die Entstehung einer spezifischen Grenzkultur sowie literarische Zirkel feststellen, die den Blick auf die eigenen kulturellen Identitäten jenseits des intellektuellen Establishments von Mexiko-Stadt richten. Und spätestens mit der Rebellion der Zapatisten wird in Mexiko nicht nur die Lebenssituation, sondern auch die Kultur und Literatur der indigenen Gruppen wieder stärker wahrgenommen. Selbst Carlos Fuentes merkte kürzlich in einem Interview an, die derzeitige Herausforderung bestehe nicht in der Identität, sondern in der Diversität. Wie sich Literatur in all ihrer Vielfalt zu dieser kulturellen Diversität verhält, wird ihren gesellschaftlichen Standort und ihre Funktion in erheblichem Maße mit bestimmen.

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