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Autoren
des 20. Jahrhunderts |
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Jenseits
von Mythos und Boom Hierzulande wird
mexikanische Literatur noch immer mit den großen Namen der bis etwa
1930 geborenen Generation, Octavio Paz, Carlos Fuentes, Juan Rulfo, Rosario
Castellanos, Juan José Arreola sowie den Autoren des Revolutionsromans
assoziiert. Die mittlere und jüngere Generation mexikanischer Schriftsteller/innen,
die seit den 60er Jahren publizieren, ist dagegen weitgehend unbekannt
geblieben, sieht man einmal von solchen Ausnahmeerfolgen wie Ángeles
Mastrettas Arráncame la vida, Laura Esquivels Como agua para chocolate
oder den Kriminalromanen Paco Ignacio Taibo IIs ab. Dass all dies weit mehr auf die Gesetze des Buchmarktes und den genannten Erwartungshorizont zurückzuführen ist als auf die Abwesenheit literarischer Qualität in der neueren Literatur des Subkontinents, zeigt ein genauerer Blick auf die Prosa der bei uns noch weitgehend unbekannten Autorinnen/Autoren. Die Literaturszene in Mexiko erweist sich dabei als besonders vielfältig. Und das nicht etwa, weil es in anderen Ländern Lateinamerikas weniger interessante Literatur gäbe, sondern weil die Möglichkeiten zur Publikation angesichts der ökonomischen Situation und des rudimentär funktionierenden Buchmarktes in vielen Staaten hier noch vergleichsweise gut sind. Ich will hier nicht beanspruchen, einen Überblick über die mexikanische Literatur seit 1980 zu geben - dazu würde der Platz bei einer so vielfältigen Literatur wohl kaum ausreichen. Vielmehr möchte ich einen Einblick in die Erzählliteratur einiger Autorinnen und Autoren geben, die unterschiedliche Richtungen der Gegenwartsliteratur repräsentieren.
Das Ende des Erdölbooms und damit der wirtschaftliche Niedergang des Landes lösen zu Beginn der 80er Jahre eine politische Krise aus, die in der Literatur als Krise der staatlichen Institutionen repräsentiert wird. Immer pointierter wird die staatstragende Vetternwirtschaft der PRI als ein Dschungel aus Korruption, Intrigen und politischen Morden entlarvt. In Aguilar Camíns Morir en el Golfo geht es um den Kampf zwischen einem karrierewütigen Lokalpolitiker und einem Kaziken, der sowohl eine Erdölgesellschaft als auch die entsprechende Gewerkschaft im Bundesstaat Veracruz beherrscht. Parteipolitik wird hier als bloße Fassade des allgegenwärtigen Klientelismus dargestellt, der die mexikanische Politik bis heute beherrscht. Während dieser Machtkampf durch einen Journalisten beschrieben wird, der die Intrigen und politischen Morde aufzudecken versucht, stellt Ángeles Mastretta in Arráncame la vida die politische Korruption sozusagen aus der Küchenperspektive der Ehefrau eines Kaziken dar, die erst im Verlauf von Jahrzehnten die Verbrechen ihres Mannes allmählich begreift und sich langsam von ihrer traditionellen Rolle zu lösen beginnt. Wird sie zu Beginn noch buchstäblich an den Herd verbannt, wenn die Männer während ihrer Bankette und Saufgelage über die Geschicke des Landes entscheiden, so versucht sie später selbst Einfluss auf die Politik zu nehmen, soweit ihr despotischer Ehemann das überhaupt zulässt. Mastrettas Roman lässt die Zeit der späten 30er und 40er Jahre Revue passieren, in denen die mexikanische Revolution stirbt und nur noch als Rhetorik bestehen bleibt, wie José Agustín es einmal treffend bezeichnet hat. Interessant an Mastrettas Bestseller ist allerdings weniger die oft moderate Kritik der politischen Zustände, sondern die Mischung aus Politthriller und bisweilen kitschiger Liebesgeschichte; das alles in leicht zugänglichem, manchmal fast trivial anmutendem Stil, der die Muster des sentimentalen Frauenromans parodiert. Darin ist auch das Bestreben erkennbar, sich stilistisch von den Epigonen der lateinamerikanischen Literatur der 60er Jahre (García Márquez, Fuentes, etc.) abzusetzen und zu einer eigenen Sprache jenseits der weltumspannenden Entwürfe dieser Autoren zu kommen. Mastretta behält diese Schreibweise auch in ihrem späteren, ebenfalls im weitesten Sinne historischen Roman Mal de amores bei. Die Einbeziehung der Umgangssprache kennzeichnet auch die Kriminalromane Paco Ignacio Taibos, in denen ebenfalls das korrupte politische System in Mexiko kritisiert wird. Auch wenn der Held seiner Krimis, der Privatdetektiv Héctor Belascoarán Shayne, stets die ihm angetragenen Fälle zu lösen weiß, bleibt doch immer ein bitterer Nachgeschmack, denn Belascoarán dringt nur bis zu den unmittelbar Beteiligten vor, ohne je die Hintermänner der Verbrechen dingfest machen zu können. Taibos Anklage gegen die Mächtigen im Lande ist trotz einer realistischen Einschätzung staatlicher Unterdrückung von einem romantischen Anarcho-Syndikalismus geprägt, der dazu führt, dass er sich - im Gegensatz zu seinen historischen Sachbüchern - auf politische Utopien zurückzieht. Die Aktualität seiner Kritik am undurchdringlichen Parteienapparat, der vor Auftragsmorden nicht zurückschreckt, wurde Mitte der 90er Jahre angesichts einer Reihe politisch motivierter Morde an führenden PRI-Mitgliedern noch einmal besonders deutlich.
Während in den Chroniken die Erdbeben oft als auslösendes Moment für die politische Krise und die Probleme der Megalopolis dargestellt werden, erscheinen sie in Rafael Ramírez Heredias Roman La jaula de Dios als Kulminationspunkt und möglicher Umschwung der Krise. Ramírez Heredia, der neben Romanen und Krimis auch einige preisgekrönte Erzählungen veröffentlicht hat, gehört sicher zu den spannendsten Autoren der zeitgenössischen mexikanischen Literatur, obwohl er hierzulande nahezu unbekannt ist. La jaula de Dios ist ein Kaleidoskop unterschiedlicher Stadterfahrungen. Was zunächst wie eine - stilistisch an John Dos Passos Manhattan Transfer und Fuentes La región más transparente erinnernde - Montage aus zufälligen Begegnungen erscheint, entpuppt sich im Laufe des Romans als ein Mosaik, aus dem nach und nach ein Bild des Alltagslebens, der korrupten Politik und der Gewalt in Mexiko-Stadt entsteht.
Der Anspruch, die Erzählung auf das absolut Notwendige zu verkürzen, steht in krassem Gegensatz zur barock anmutenden, ausufernden Sprache der Literatur von García Márquez, Carpentier und Fuentes, aber auch zu den Metaebenen postmoderner Prosa. Gerade diese knappe Sprache ist aber ein wesentliches Kennzeichen heutiger mexikanischer Literatur, sieht man einmal von Fernando del Paso ab, der in Palinuro de México und Noticias del imperio die Tradition barocker Schreibweise fortsetzt. Die oft lakonische Erzählweise der jüngeren mexikanischen Schriftsteller/innen kann sich allerdings auf eine hinter den Boom zurückgehende Tradition berufen, die in Mexiko durch Erzähler wie Julio Torri, Juan José Arreola, Juan Rulfo und Augusto Monterroso geschaffen wurde. Besonders Monterrosos essayistische Kurzprosa und Fabeln gelten in stilistischer Hinsicht als Vorbild. Eindrucksvoll wird diese Tradition mexikanischer Kleinsterzählungen von Bernarda Solís in dem Band Mi vida privada es del dominio público fortgeführt, wobei ihre Kurzprosa durch eine feministische Perspektive sowie durch das Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen an den Kreuzungspunkten der Metropole Mexiko-Stadt bereichert wird. Traditionelle Volkskultur trifft hier auf das moderne städtische Leben; phantastische und Traumelemente mischen sich mit Szenen des Alltags. Die Kritik der Geschlechterbeziehungen und des Machismo, die in den Erzählungen von Solís erscheint, ist eines der vordringlichen Themen der zeitgenössischen mexikanischen Frauenliteratur, auch wenn es selten so humorvoll dargestellt wird wie bei ihr. Die Bandbreite dieser Thematik reicht von den Bemühungen, sich von der traditionellen Frauenrolle zu emanzipieren (wie z.B. in Aline Petterssons Erzählungen), über den Bruch mit bornierten, unsensiblen, den Machismo kultivierenden Männern (in Ethel Krauzes La mula en la noria) bis zu Versuchen, sich als Frau neu zu definieren, wie in Dorelia Barahonas Novelle De qué manera te olvido. Barahonas Erstlingswerk ist die Geschichte dreier Frauen seit den Tagen ihrer Jugendfreundschaft. Aber die Protagonistinnen sind keine umfassend dargestellten, großen literarischen Figuren mehr, sondern sie erscheinen als Spektrum der Möglichkeiten einer einzigen Frau, die sich in jedem Moment ihres Lebens für einen der Wege entscheiden kann bzw. muss, die durch die Figuren vorgegeben werden. So wird der Spielraum deutlich, innerhalb dessen Emanzipation in einer machistisch geprägten Gesellschaft vorangetrieben werden kann. Carmen Boullosa geht in ihren Romanen noch einen Schritt weiter, indem sie (v.a. in Son vacas, somos puercos und Duerme) die Geschlechterbeziehungen und die patriarchalen Herrschaftsstrukturen in historischer Perspektive kritisiert.Solís Nicht Identität,
sondern Diversität Darüber hinaus ist mit den gegenwärtigen Umbrüchen in der mexikanischen Gesellschaft auch eine Tendenz zur kulturellen Dezentralisierung verbunden, die erste zarte Blüten treibt. So lässt sich in den Zentren des Nordens, v.a. in Monterrey und Tijuana, die Entstehung einer spezifischen Grenzkultur sowie literarische Zirkel feststellen, die den Blick auf die eigenen kulturellen Identitäten jenseits des intellektuellen Establishments von Mexiko-Stadt richten. Und spätestens mit der Rebellion der Zapatisten wird in Mexiko nicht nur die Lebenssituation, sondern auch die Kultur und Literatur der indigenen Gruppen wieder stärker wahrgenommen. Selbst Carlos Fuentes merkte kürzlich in einem Interview an, die derzeitige Herausforderung bestehe nicht in der Identität, sondern in der Diversität. Wie sich Literatur in all ihrer Vielfalt zu dieser kulturellen Diversität verhält, wird ihren gesellschaftlichen Standort und ihre Funktion in erheblichem Maße mit bestimmen.
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