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Gustav Regler & Mexiko - Das Land der Widersprüche

Gustav Regler wurde 1898 in Merzig (Saar) geboren, dies ist die Kreisstadt meines Geburtsortes. Zwischen G. Regler und Mexiko hat sich ein besonderer Bezug entwickelt, der interessant und erwähnenswert ist...

Gustav Regler, als Sohn eines Buchhändlers am 25. Mai 1898 geboren, starb am 14. Januar 1963 während einer Weltreise in Neu Delhi. Er studierte an den Universitäten Heidelberg und München und arbeitete in den 20er Jahren für verschiedene Zeitungen, u. a. das Berliner Tageblatt und die Frankfurter Zeitung. 1933 emigrierte er nach Frankreich. Ein Jahr später, im Abstimmungskampf über das Pebliszit vom 13. Januar 1935, versuchte er die von Deutschland abgetrennten Bewohner des Saargebietes für ein Votum gegen Hitler zu gewinnen. Es war ebenso wenig erfolgreich wie ein Jahr später in Spanien der bewaffnete Kampf in den "Internationalen Brigaden" gegen putschende Generäle. Nach einer schweren Verwundung kehrte er nach Frankreich zurück, wo er im September 1939 interniert wurde. 1940 konnte er mit Unterstützung von Ernest Hemingway und Eleanor Roosevelt über die USA nach Mexiko fliehen. Anfang der 50er Jahre unternahm er mehrere - z.T. mehrmonatige - Reisen v. a. nach Frankreich, Italien und England sowie innerhalb Deutschlands.

Wie nur wenige Autoren seiner Zeit hat Regler die großen Epochenkonflikte unseres Jahrhunderts erfahren und in seinen Büchern davon Zeugnis gegeben. Das Spannungsfeld von Politik und Moral, von Literatur und Engagement hat ihn zeitlebens gefordert - und nachhaltig sein Schreiben geprägt. Obwohl KPD-Mitglied seit Ende der 20er Jahre, entwickelte er sich zum unnachsichtigen und kompromisslosen Gegner der sowjetischen Politik, als Stalin mit dem Faschismus zu paktieren begann. Ähnlich heftig kritisierte er dann auch die Remilitarisierung in der Bundesrepublik. Und Karrieren wie die von Hans Globke, einem Juristen, der es vom Kommentator der NS-rassengesetzte zum Chef des Bonner Kanzleramtes unter Adenauer gebracht hatte.

Ungeachtet mancher zuweilen exzentrischer Individualität dieses Mannes stellt Reglers Leben in gewissem Sinne sogar eine idealtypische Karriere dar, in der nahezu alle kollektivmächtigen Ideen und politischen Haltungen des Jahrhunderts zusammenfanden. Katholizismus und Jugendbewegung, Wilhelminischer Patriotismus und Desillusion im Ersten Weltkrieg, großbürgerliche Existenz durch Einheirat und kommunistisches Engagement, Kampf für die Republik im Spanienkrieg und Exil in Mexiko, Faszination durch archaische Mythen und esoterische Spekulation, die ihn am Ende seines Lebens zu den Quellen indischer Weisheit führte, - kaum eine wesentliche Zeitströmung, Lebenshaltung, Denk- oder Glaubensform wird ausgespart. Insofern lässt sich Reglers Existenz auch als ein Stück gelebter Ideologiegeschichte des 20. Jahrhunderts begreifen.

Der Herkunft nach war Regler Saarländer, aber durch die Themen seiner Bücher und seine Biographie Weltbürger.

Im letzten Drittel seines Lebens war Mexiko, das Land zischen Mythen und Moderne (H. J. Blinn), nicht bloß sein geographisches Zentrum geworden, sondern eine neue Heimat, wohin er immer wieder zurückkehrte, fasziniert von den Lebensverhältnissen, den Menschen und ihrer kulturellen Vergangenheit. Und auch aus Dankbarkeit. Denn Mexiko gewährte dem aus Deutschland Vertriebenen durch die Verleihung der Staatsbürgerschaft Zuflucht und bot Schutz vor faschistischen wie stalinistischen Verfolgern. Mit Büchern, die von Kennern des Landes als ebenso subtile wie klarsichtige Darstellungen des mexikanischen Wesens und mexikanischer Lebensart gerühmt werden, hat er sich dafür revanchiert.

"Daran denken ein mexikanisches Tagebuch von 200 Seiten langsam zu verfassen", notierte Regler am 17. November 1940, bald nach seiner Ankunft in Mexiko-City, in seinem Tagebuch. Das Vorhaben wuchs sich aus: Es entstanden die Bücher "Amimitl oder: Die Geburt eines Schrecklichen" (1947) und "Vulkanisches Land - Ein Buch von vielen Festen und mehr Widersprüchen" (ebenfalls 1947) sowie, ein paar Jahre später, "verwunschenes Land Mexiko" (1954), eine erweiterte Neuausgabe von "Vulkanisches Land". Die Sendung "Mexikanischer Totentag" greift Motive daraus auf.

Auf eine Umfrage der Zeitung "Deutsche Post" on 1961, warum er nicht in der Bundesrepublik lebe, antwortete Regler: "Ich bin hier, weil es das einzige Land der Erde war, das mir die Staatsbürgerschaft anbot, und wo ich sowohl nach alten Schätzen graben durfte als auch Bäume pflanzen. Ich bin hier, weil ich nach sechs Monaten Reise durch Europa jedes Jahr wieder ein Gleichgewicht brauchte. In Paris sprach man nur von den Attentaten der Algerier, in New York von Unterständen gegen Atombomben; eben berichtete mir Guillermo, dass er am Berg eine Mauer angegraben habe, die auf einen alten Tempel schließen lasse. Es ist noch eine Magie um mein Haus und die Freundlichkeit von Menschen, die gründe Ginger haben, d. h. alles wächst, was sie anrühren, und ihr Ehrgeiz ist weder nach Dauerwellen noch Fernseh-Apparaten, sondern dass ich ihnen zuhöre, wenn sie von ihrem Tal erzählen und dass ich ihnen beim Tequila berichte von der Torheit der fernen Länder, dem Chaos der großen Städte und all dem, was sie nicht haben, was aber nur mit Verlust ihres Friedens erkauft wird. Ich bin wegen des Friedens hier - und meiner Pferde"

Obwohl die seit 1994 erscheinende Werkausgabe das literarische Schaffen und die Biographie des Autors einem größeren Leserkreis wieder ins Bewusstsein rückte, dürfte nach wie vor weniger bekannt sein, dass Regler neben seinen Büchern eine Reihe von Zeitungsartikeln und Radiosendungen über Mexiko geschrieben hat, darunter auch sog. O-Ton-Features, die im Auftrag von westdeutschen Sendern wie auch für Radio France und die BBC entstanden. "ein gewisser Dr. Krüger bestellte einen längeren Vortrag, um Irrtümer des Publikums über das wirkliche Mexiko zu beseitigen. Ich schrieb den Aufsatz im Zug und denke, dass er ihn schon ins Maiprogramm platziert hat", teilte er in den 50er Jahren in einem Brief dem Freund Hermann Kesten mit. Doch nicht nur der erwähnte Mitarbeiter des Südwestfunks und dessen Kollege Walter Rosengarten - jener "Unbestechliche" dem die Autobiographie "das Ohr des Malchus" gewidmet ist, auch Alfred Andersch und Helmut Heißenbüttel vom Süddeutschen Rundfunk sowie Heinz Dieckmann und Fred Oberhauser vom Saarländischem Rundfunk baten den Autor in den 50er und frühen 60er Jahren immer wieder um Beiträge über seine neue Heimat, jenes "Land der Widersprüche und der überraschenden Eruptionen".

Einige dieser Sendungen Reglers wurden aus dem Schweigen des Archivs erlöst, zusammen mit einem sog. "freien" - das meint hier wohl: nicht-journalistischen-Gespräch über die "verlorene Heiterkeit". Drei Schriftsteller haben es geführt: Neben Regler Heinz Dieckmann (geb. 1921), damals Literaturredaktion beim SR, später Filmregisseur beim ZDF, und der Roman- und Hörspielautor Herbert Tjadens (1897-1981). Zu finden sind diese Beiträge auf der CD des Saarländischen Rundfunks "Mexiko - Das Land der Widersprüche), Stroemfeld Verlag ISBN 3-87877-743-4.

Aus Anlass des 100. Geburtstags von Gustav Regler am 25. Mai 1998 wurden einige seiner Sendungen wieder zugänglich gemacht: Zur Erinnerung an einen bedeutenden Schriftsteller; als ein Dokument saarländischer Radiogeschichte; zur Information über Tradition und Kultur eines noch immer weithin unbekannten exotischen Landes - mit inzwischen selbst historisch gewordenen Aufnahmen; nicht zuletzt auch als spätes (und kleines) Zeichen des Danks dafür, dass es einmal Staaten wie Mexiko gewesen sind, die Asylanten aus dem fernen Europa großzügig aufgenommen und ihnen neue Lebensperspektiven eröffnet haben.

Auch wenn Mexiko sich stark gewandelt hat ist es ein Land mit fest verwurzelten Werten. So ist es ein besonderes Gefühl, die uneingeschränkte Gastfreundschaft annehmen zu dürfen, die dort immer noch gewährt wird. Natürlich werden wie in allen Lateinamerikanischen Ländern gerne schnell Einladung ausgesprochen, die oft eher als Höflichkeitsfloskeln zu betrachten sind. Die ernsthaft angebotene Gastfreundschaft, die jedem zuteil werden kann, ist jedoch ein besonderes Geschenk, an dem wir Europäer uns ein Beispiel nehmen sollten.

Quellen:
Ralph Schock, Saarbrücken, 3.98
Firma Regler, Merzig

Der Dank von Ralph Schock für deren Unterstützung an die Kollegen Frank Rainer Huck und Bert Lemmich aus dem Archiv sowie Klaus Kuschewitz (Honorare & Lizenzen) zur Veröffentlichung oben genannter CD soll hier nicht unerwähnt bleiben.

 

www.omex.de