EZLN
EZLN, Ejercito Zapatista de Liberación Nacional = Zapatistische nationale Befreiungsarmee
Die EZLN hat seit ihrem abrupten Auftreten am 1.1.1994 die gesamte politische Bühne Mexikos aufgewirbelt und gravierende soziale Probleme des Landes ins Blickfeld der nationalen und internationalen Öffentlichkeit gerückt. Ihre Präsenz und die ihr zufahrende Basisunterstützung haben zudem das Ideal zerstört, ausschließlich mittels liberalen Wirtschaftsmaßnahmen das Elend der Welt bekämpfen zu können.
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Struktur
Die EZLN ist rein formal betrachtet eine militärische Formation. Darüber hinaus gehend ist die EZLN bzw. die von ihr getragenenen Organisationen eine politische Bewegung. An ihrer Spitze steht das CCRI-CG: Comité Clandestino Revolucionario Indígena - Comandancia General del Ejército Zapatista de Liberación Nacional (etwa: Geheimes und revolutionäres indigene Komitee - Generalkommandantur der EZLN)
Der oberste militärische Befehlshaber und Sprecher der EZLN, der jedoch dem CCRI-CG untergeordnet ist und der in der Öffentlichkeit stets maskiert auftritt, nennt sich " Subcommandante Marcos " . Aufgrund dessen, dass dieser sogenannte "Subcomandante Marcos" im Namen der “Sechsten Kommission der EZLN” als erster Delegierter und als Zivilperson bis Ende Juni 2006 durch Mexiko reist, tritt er seit Januar 2006 nicht mit seinem militärischen Titel in Erscheinung sondern wird als „SubDelegado Zero de la Comisión Sexta del EZLN“ ( 1. Delegierte der Sechsten Kommission der EZLN) benannt.
Laut mexikanischem Geheimdienst soll "Subcomandante Marcos" ein einstiger Universitätsdozent namens Rafael Sebastián Guillén sein. "Marcos" oder "El Sub", in der Öffentlichkeit stets mit Kopfkapuze ("Pasamontaña") und Pfeife auftretend, hat es mit seinen Proklamationen, Reden, Interviews, Buchveröffentlichungen und Treffen mit internationalen Persönlichkeiten zu weltweiter Medienpräsenz geschafft. Die Schaffung des "Medienstars" führte dazu, dass die EZLN vielmals mit "Marcos" gleichgesetzt wird, was ihr allerdings mehr als die eigentliche Basisarbeit ein für die internationale Unterstützungsarbeit "sympathisch" besetztes Gesicht verpasst hat. Für die Regierung wiederum ist der Sprecher der Rebellenorganisation in aller Regel nur "El Señor Marcos".
Die gesamte Führungsspitze der EZLN wurde 1994 durch die Regierung als gegen das Gesetz stehend erklärt und entsprechende Haftbefehle ausgestellt. Diese wurden 1995 durch das Amnestiegesetz zunächst eingefroren, sind jedoch bis heute nicht formal aufgehoben.
Basiselemente
Die wichtigsten Basiselemente des EZLN- Demokratiekonzeptes sind:
- Gehorchend befehlen- spanisch: Mandar obedeciendo
- Fragend gehen wir voran – spanisch: Preguntando caminamos
- Hinter uns sind wir ihr – spanisch: Detrás de nosotros estamos ustedes
- Eine Welt in der viele Welten Platz finden – spanisch: Un mundo donde quepan muchos mundos
Gründung
Über die Gründung der EZLN gibt es mehrere Versionsgeschichten:
1.Version):
Die Vorgeschichte der EZLN liegt im Dunkeln, zumal sich ihre Führer mehrheitlich bis heute nicht namentlich zu erkennen geben. Hinweise der Zapatisten selbst und Erkenntnisse der mexikanischen Sicherheitskräfte lassen darauf schließen, dass sich mehrere Universitätsangehörige, unter ihnen Guillén, Mitte der achtziger Jahre zur Gründung einer linksgerichteten Untergrundbewegung unter Einfluss der damaligen sandinistischen (und kubanischen) Revolution entschlossen. Ihr Abtauchen in den chiapanekischen Urwald an der unwegsamen Grenze zu Guatemala diente genau diesem Zweck.
2.Version):
Nachdem in den siebziger Jahren, von nicht aus dem Bundesstaat Chiapas stammenden Revolutionäre , der Versuch eine Guerillafront im Bundesstaat Chiapas aufzubauen gescheitert war,entwickelte in den achtziger Jahren eine kleine Gruppe, die aus Mitgliedern regionaler indigener Organisationen und der guevaristischen Nationalen Befreiungsfront (FLN) bestand, den Plan zur Schaffung einer neuen Gruppierung, die sich nach ihrer Gründung „Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung“ (EZLN = Ejercito Zapatista de Liberación Nacional)nannte. Laut eigenen Angaben von Subcommandante Insurgente Marcos ( Schreiben vom 10. November 2003, anlässlich der Vorstellung des Buches "EZLN - 20 und 10, das Feuer und das Wort") fand die Gründung der EZLN in sieben Etappen statt.
- Die erste Etappe erfolgte im Jahre 1982 und bestand in der Auswahl der Personen,die der zukünftigen EZLN angehören würden.
- Die zweite Etappe, die „Implantieren“ genannt wurde, bestand in der Gründung der EZLN. Am 17.November 1983 wurde die EZLN , auf einer der Sierras , welche die Selva Lacandona nach Westen hin durchziehen, von fünf Männern und einer Frau gegründet. Von diesen ersten sechs Insurgenten waren drei Mestizen und drei Indígenas.
- Die dritte Etappe diente der Vorbereitung. In dieser Zeit widmete sich der zapatistische Generalstab dem Studium militärischer Strategien, der mexikanischen Geschichte, dem Gebrauch von diversen Waffen sowie der Erkundung des Operationsterrains. Zu diesem Zeitpunkt orientierte sich die kleine Gruppe der EZLN noch an anderen lateinamerikanischen Guerilla-Gruppen und bestand aus einem traditionellen militärisch-politischen Konzept.
In dieser dritten Etappe, ca. neun Monate nach Gründung der EZLN, kam Marcos, dessen strategisches Denken sowie seine Wortgewalt die weitere Entwicklung der EZLN entscheidend mitbestimmen sollte, zusammen mit einem indigenen Tzotzil und einer Chol -Indigena, bei der EZLN in der Selva Lacandona an. In der dritten Etappe, Marcos war mittlerweile zum Unterhauptmann ernannt worden, fand neben der Ausbildung von neuen „Rekruten“ auch die Gründung eines Jugendlagers, bestehend aus einer Gruppe jugendlicher Insurgenten, statt.
- Die vierte Etappe bestand in der Kontaktaufnahme mit den umliegenden Dörfern. Nach einer Phase des Austausches durchlief die EZLN eine Veränderung und entgegen ihrer ursprünglichen Vorstellung begann sie nunmehr diametral zu wachsen. Die EZLN musste feststellen, dass ihr militärisch-politische Konzept mit dem basisdemokratischen Konzept der Dörfer kollidierte. Die EZLN musste sich den Dörfern unterordnen und ging über zu einer basisdemokratischen Leitung der EZLN. Das bedeutete, dass die EZLN die Entscheidungsgewalt der Dörfer akzeptierte und damit von der „EZLN aus den Bergen“ zu „der EZLN aller Dörfer“ wurde.
- In der fünften Etappe fand ein explosionsartiges Anwachsen der EZLN statt. Begünstigt wurde dieses Anwachsen durch den Wandel zur basisdemokratischen Leitung der EZLN und durch die, zu dieser Zeit vorherrschenden politischen uns sozialen Bedingungen. Die EZLN war jetzt nicht mehr nur vorrangig in der Selva Lacandona präsent sondern auch im Hochland und dem Norden des Bundesstaates Chiapas. In dieser fünften Etappe zeichnete sich ab, dass ein friedlicher Wandel ausgeschlossen werden konnte und man sich auf einen bewaffneten Kampf einstellen musste. Zu dieser Zeit wurde auch das „Geheime Komitee“, indem alle Dörfer über den Beginn des Krieges abstimmen müssen, gegründet.
- Die sechste Etappe diente der Vorbereitung und der Abstimmung für den „Krieg/ bewaffneten Aufstand “.Dazu zählte auch im Mai 1993 die sogenannte "Schlacht von Corralchén", bei der die EZLN ihre erstes Gefecht mit der mexikanischen Bundesarmee durchführte.
- Die siebte Etappe bezeichnet die EZLN „als den Vorabend des 1. Januars 1994“. In dieser Etappe wurden mehr als 4.500 Kämpfer, vorwiegend Tzeltal -,Tzotzil -, Tojolabales und Chol Indigenas, in der sogenannten 21. Zapatistischen Infanteriedivision, auf den bewaffneten, militärischen Aufstand der EZLN vorbereitet und in Position gebracht.
1.Januar 1994
Zehn Jahre nach ihrer Gründung, am 1.Januar 1994, trat die EZLN plötzlich an die Öffentlichkeit: Sie besetzte mehrer Ortschaften in Chiapas, unter anderem die von Touristen frequentierte Provinzstadt San Cristobal de las Casas. Die EZLN legte ihr Aufstandsdatum auf das Inkrafttreten des Freihandelsabkommens Mexikos mit den USA und Kanada. Es ist nicht gesichert, ob sie das Aufstandsdatum wegen des NAFTA ansetzte oder weil zu diesem Zeitpunkt eine erhöhte Medienpräsenz im Land gesichert war (Wochenende, Medien konnten erst zum kommenden Montag reagieren). Die mexikanische Armee reagierte mit einer Gegenoffensive: bei der Rückeroberung der vier besetzten Orte und den sich anschließenden zwölftägigen Kämpfen wurden etliche Menschen getötet, ehe die Regierung die Kämpfe einstellte. Seitdem herrscht ein fragiler Waffenstillstand, der für viele Beobachter durch einen "Krieg niedriger Intensität" abgelöst worden ist und von mehreren aufsehenserregenden Gewaltausbrüchen (unter anderem Massaker von Acteal 1997) überschattet wurde.
Entwicklung
Die EZLN betonte in den ersten Tagen des Aufstands, ihr gehe es um eine nationale Revolution. Angekündigt wurde ein Marsch auf Mexiko-Stadt. Doch schon wenig später wandelte sich die Themenwahl, die Probleme der marginalisierten indigenen Bevölkerung von Chiapas wurden das Hauptanliegen der EZLN. Von einem nationalen Umsturz war nicht mehr die Rede, stattdessen wurde nun konsequent die Autonomie und Gleichberechtigung der Indigenas gefordert. Kontinuierlich entwickelte Selbstverwaltungs-Körperschaften (neuerdings die "Caracoles"-Struktur) und medienwirksame Auftritte (Abkommen von San Andrés, Friedensmarsch nach Mexiko-Stadt, Rede vor dem mexikanischen Parlament) haben dieses Anliegen nach außen hin unterstützt. 1996 schufen sich die Zapatistas mit der FZLN, der "Frente Zapatista de Liberación Nacional" ein politisches Sprachrohr, waren dort jedoch in ihr selbst nicht politisch aktiv. Die Zapatisten verfügen darüber hinaus über eine weltweite Unterstützungsplattform, wie sie zuletzt den Sandinisten von Nicaragua zuteil geworden ist. Folge dieses weltweiten Interesses ist die Anwesenheit freiwilliger "Friedensbeobachter", die in den autonomen Dörfern auf eventuelle Übergriffe staatlicher Organe oder paramilitärischer Gruppen achten.
Erstaunlicherweise hat die EZLN trotz ihrer seit elf Jahren anhaltenden Waffenruhe und ihrem Rückzug in die Urwälder ihr politisches Anliegen medienwirksam voranbringen können. Die mexikanische Gesellschaft ist sich der Problematik der "vergessenen" Provinz, überhaupt ihrer unterprivilegierten indigenen Bevölkerungsschichten erstmals auf breiter Basis aufmerksam geworden. Ermutigt durch das Auftreten der EZLN hat es in weiten Teilen Mexikos nach 1994 mehrere zivile Protestkampagnen gegeben: Unter Verweis auf die Zapatisten bekämpften beispielsweise die Bauern von Atenco erfolgreich den Ausbau des internationalen Flughafens von Mexiko-Stadt (der eine unter Wert liegende Enteignung ihrer Ländereien bedeutet hätte). In Tlalnepantla (Morelos) bildeten unzufriedende Dorfbewohner einen "autonomen" Gemeinderat.
Seit 2001 hat der 1995/1996 aufgenommene Dialog zwischen der EZLN und der Regierung auf Eis gelegen: Die Rebellen protestierten damit gegen das im gleichen Jahr verabschiedenete Indígena-Gesetz, welches die Vereinbarungen von San Andrés nur teilweise umsetzte. Wiederholt ist seitdem das Ende der Rebellenbewegung vorhergesagt worden, ihre Bedeutung habe abgenommen, sie entwickle sich zu einer reinen Basisorganisation. Bis 1998 hatten die Zapatistas zudem durch so genannte "Declaraciones de la Selva Lacandona " konkrete politische Forderungen erstellt.
Im Juni 2005 haben die Zapatisten ihr Schweigen gebrochen, durch den Ausruf eines "Roten Alarms" sämtliche sozialen und politischen Aktivitäten beendet und eine "politische Initiative" angekündigt. Medienspekulationen über einen Rückzug der Rebellen in den Untergrund wiesen die Zapatisten als falsch ab, ebenso die Möglichkeit eines erneuten Waffengangs. Stattdessen ruft die EZLN nun in ihrer " Sexta declaración " zum Dialog mit der Regierung und den "Arbeitern" des Landes auf und erklärt dies damit, das mehr in den jetzigen Strukturen nicht erreichbar sei, mehr aber getan würde müsse, um das Bestehende (autonome Entwicklung) zu garantieren. Beobachter sehen darin eine verstärkte Beteiligung des EZLN an der mexikanischen Innenpolitik. Am 22.November 2005 kündigte der Subcommandante "Marcos" in diesem Zusammenhang die Auflösung der FZLN für den 25.11.2005 an, um wörtlich "eine neue zapatistische, antikapitalistische und linke politische Bewegung" an ihrer Stelle zu erschaffen - mit direkter Beteiligung der EZLN selbst. Anfang Januar 2006 begann eine auf mehrere Monate angelegte "Diskussionstour" quer durch Mexiko, um nach Eigenaussage eine breite politische Bewegung (ohne Bindung an die traditionelle Politikstrukturen) zu schaffen.
Kritik
Gescheitert ist die EZLN allerdings bislang mit ihrem Versuch, die sozialen Ungleichheiten tatsächlich zu mindern (auch wenn ihr das Verdienst zuzuschreiben ist, auf diese Probleme überhaupt erst aufmerksam gemacht zu haben und die Regierung zu Reformen bewegt zu haben). Die Probleme der Indigenas sind weiterhin akut und von Bedeutung. Konservative Publizisten, unter ihnen Carlos Alberto Montaner, werfen den Zapatisten vor, sich ursprünglich am Ideal der untergegangenen Sowjetunion orientiert zu haben und die Sache der Indigenas erst im Verlauf des Aufstands "entdeckt" zu haben. Auch sei die EZLN von der frühzeitigen Einstellung der Regierungs-Offensive (u.a. laut Montaner aus Furcht des Präsidenten Carlos Salinas de Gortari, ein zweites "Tlalteloco" zu generieren) überrascht worden.
In diesem von beiden Seiten propagandistisch geführten Konflikt (auch mit gezielten Falschmeldungen) sind die Medien von großer Bedeutung. Journalist Marco Levario Turcott nennt den Aufstand der EZLN einen "Krieg auf dem Papier" (Titel des gleichnamigen Buchs), die Zapatistas hätten seiner Meinung nach mit unbewiesenen Vorwürfen während der Kämpfe eine prozapatistische Stimmung erzeugt (u.a. Vorwurf von Luftangriffen der Regierung). "Marcos" selbst wird regelmäßig vorgeworfen, sich allzu sehr auf internationale Probleme (u.a. Äußerungen zur Basken-Problematik in Spanien, Einbindung in die Anti-Globalisierungsbewegung) einzulassen, anstatt die "Causa" der chiapanekischen Indigenas voranzutreiben. Den mexikanischen Regierungen wird wiederum vorgehalten, für die anhaltenden Gewaltausbrüche die EZLN selbst verantwortlich zu machen, sie als Konflikte zwischen indigenen Gemeinden zu "verharmlosen" oder gar selbst angestiftet zu haben (Beispiel Acteal).
Siehe auch: Chiapas-Konflikt
Literatur
- T:La Lucha sigue - Der Kampf geht weiter. EZLN - Ursachen und Entwicklungen des zapatistischen Aufstands
A: Luz Kerkeling ISBN 389771017X
- T: EZLN: 20+10 - Das Feuer und das Wort
A:Gloria Munoz Ramirez ISBN 3897710218
- T:Aufstand in Chiapas
- T:Chiapas. Aktuelle Situation und Zukunftsperspektiven für die Krisenregion im Südosten Mexikos
- T:Der Wind der Veränderung. Die Zapatisten und die soziale Bewegung in den Metropolen. Kommentare und Dokumente
A:Lutz Schulenburg ISBN 3894012765
- T:Ya basta! Der Aufstand der Zapatistas
- T.Der Indio- Aufstand in Chiapas. Versuch einer demokratischen Revolution. A:Gerold Schmidt
- T: Los Zapatistas y La marcha por la dignidad indigena (Vol. 2). Los discursos en el congreso y el regreso a Chiapas
Links
Mexico-Community
- EZLN : Infos und Berichte
- Alarmstufe Rot für Chiapas
- Berichte zu Subcommandante Marcos
- Zapatisten
- Juntas de buen Gobierno
Weitere Links