Chiapas

Berichte von 1998 zum Konflikt in Chiapas

Verantwortlich für den Inhalt sind die Autoren. Quellenangabe am Ende des Textes.

"... die Regierung ist verrückt und lügt immer"

Bericht eines internationalen Beobachters der Irischen Mexico-Gruppe aus
Diez de Abril, Chiapas (Ende Juni 98)

"Wie sehen Deine Hände aus?" Zum vierten Mal hielt ich sie zur Überprüfung
hin. "Gut, heute sind es nur zwei Blasen", lachte ich. In Wahrheit waren
meine Hände gar nicht das Problem, mein Rücken, die Arme und die Schultern
waren da eine ganz andere Geschichte. Es war mein zweiter Tag in Diez de
Abril. Gerade hatte ich ein sechsstündiges Arbeitspensum im Maisfeld
abgearbeitet, und nun fühlte ich mich, als müsse ich sterben.
Noch immer hatte ich ein flaues Gefühl vom Vortag im Magen. Vier Stunden
nach meiner Ankunft im Dorf waren die beiden Friedenscamper, die ich
abgelöst hatte, von Armee und Polizei festgenommen worden, als sie in den
Büschen am Rand der Hauptstraße versteckt auf den Bus warteten. Im Dorf
wird daraufhin mobilisiert. Es ist möglich, daß die Armee das als Vorwand
benutzt, um wieder in Diez einzufallen. Alle sind sehr ruhig. Wir
verbleibenden Friedenscamper werden zu einer vorbereiteten Stelle
gebracht, wo wir sehen können, aber nicht gesehen werden. Nach zwei
Stunden erhalten wir die Entwarnung. Die beiden Friedenscamper wurden nach
einem Verhör freigelassen.
Die ausländerfeindliche Kampagne der Regierung ist jetzt in vollem Gange.
Sie will keine Ausländer in Chiapas haben, wodurch wird unsere Anwesenheit
nur noch wichtiger wird. Sie will nicht, daß Dinge an die Öffentlichkeit
dringen oder sich jemand für das, was in Chiapas geschieht, interessiert.
Neue "Gesetze" verbieten Ausländern, sich in der Konfliktzone aufzuhalten,
aber wie alle ungerechten Gesetze werden auch diese gebrochen.
Die Stärke und die Fähigkeit des Dorfes, in gespannten Situationen
gemeinsam zu handeln, beeindruckt mich. Das werde ich in den folgenden
drei Wochen noch oft erleben, da die Anspannung in ganz Chiapas steigt.
Später am Abend wird mir vom letzten Einfall der Armee in Diez erzählt.
"Sie stahlen unsere Arbeitsmittel, zerstörten unsere Häuser und verletzten
einige der Frauen mit dem Gas", sagt Juan. "Den Großteil des Schadens
haben wir inzwischen behoben. Sie werden nicht gewinnen", fügt er mit
einem Lächeln hinzu.
Die andauernde Bedrohung und Einschüchterung von Seiten der Armee ist
nicht das einzige, was im Moment Sorge bereitet. El Niño hat in Chiapas
verheerende Auswirkungen hinterlassen. Tausende Brände wüten in den
Bergen, und der Rauch, der einen im Tal nicht weiter als 20 Meter blicken
läßt, verdunkelt die Abendsonne. Das Gerücht geht um, daß die Armee einige
der Feuer gelegt hat. Es fällt mir nicht schwer, das zu glauben. Die
Regierung hat die Region zum Naturkatastrophengebiet erklärt. Aber wo ist
Hilfe? Später am Abend besucht uns Ana. Wie viele andere im Dorf hat sie
schlimmen Husten vom Rauch bekommen. Aber das hält sie nicht davon ab, mir
das "Frauenlied" vorzusingen.
Wegen der Trockenheit müssen die Dorfbewohner noch einmal Chillies, Bohnen
und Kürbisse pflanzen, da die erste Ernte vertrocknet ist. Zwar hat es
inzwischen geregnet, aber die Leute glauben, es war zu wenig und kam zu
spät. Der Ungerechtigkeit und den Härten des Lebens setzt man im Dorf
Humor entgegen. Wir sprechen über da neue Wandbild. "Subcomandante Marcos
hat kein Gewehr!" sagt José. Das ist Gegenstand vieler Diskussionen und
einiger Besorgnis in Diez. Der Sup hat seine Pfeife, die Balaclava, ein
rotes Tuch und Patronengurte, aber keine Waffe! Wir versprechen, das Bild
am Sonntag fertigzustellen.
Am nächsten Morgen halb acht bin ich mit José und Olivia auf dem Weg zu
den Maisfeldern, als bereits der zweite Helikopter tief über unsere Köpfe
hinwegfliegt. Ich bin die einzige, die nach oben blickt. José und Olivia
arbeiten fünfmal so schnell wie ich. Sie lachen über mein Unvermögen, mit
der Hacke umzugehen. "Hier, neben mir", ruft Olivia lachend. Ich blicke
auf und merke, daß ich natürlich wieder im Zickzack gearbeitet habe. Gegen
elf setzen wir uns, trinken Posol und reden. José erzählt mir, daß für die
Regierung das Leben der Indígenas nichts bedeutet. "Sie betrachten uns als
Tiere und glauben, daß wir Tiernahrung essen." "Aber die Regierung ist
verrückt und lügt immer", antworte ich. Dieser Kommentar bringt die beiden
zum Lachen. Wir arbeiten weiter. Nicht zum ersten Mal befällt mich ein
Gefühl der Demut. Ich bin froh, mit diesen Menschen reden, zusammensein zu
dürfen. Olivia erzählt mir stolz von der Geschichte des Dorfes und von
ihrer Familie. "Vor der Zapatista-Bewegung haben viele von uns für große
Landbesitzer gearbeitet. Wir waren arm, hatten kein Land, einige aus
meiner Familie starben an Hunger. Jetzt haben wir Land, und wir haben die
Kontrolle über unser eigenes Leben. Wir können unsere eigenen
Entscheidungen treffen."
Die Hubschrauber setzen ihre Tiefflüge fort. Nach zwei Wochen habe ich
mich sowohl an die Arbeit als auch an die täglichen Spielchen der
mexikanischen Armee gewöhnt. Nur zu oft gibt es angespannte Situationen,
aber die Bewohner von Diez lassen sich nicht einschüchtern. Dreimal wird
die Alarmstufe rot einberufen, als man die Nachricht verstärkter
Truppenbewegung in der Gegend erhält. Am 10. Juni dann erfahren wir von
der Schießerei in El Bosque. Die Armee hat Zapatistas festgenommen und sie
beschuldigt, PRI-Anhänger getötet zu haben, und der Autonome
Verwaltungsbezirk San Juan de la Libertad wurde aufgelöst. Diesmal kam es
zu einem Schußwechsel, und acht Zapatistas verloren ihr Leben, ebenso ein
Polizist. Im Fernsehen werden Bilder gezeigt. An diesem Abend treffen sich
alle in der Kirche. Heute sind Wut und Ärger deutlich spürbar. Das Treffen
endet mit der Entscheidung, die Dorfgemeinschaft in drei Gruppen
aufzuteilen, die am nächsten Tag gemeinschaftliche Arbeiten verrichten
werden. Die Gemeinschaft muß zusammensein. Ich verlasse das Dorf, als
gerade wieder höchste Alarmstufe herrscht. Der Abschied fällt schwer.
Zurück in San Cristóbal treffe ich mich mit einem Journalisten auf einen
Kaffee. Er ist gerade aus San Juan de la Libertad zurückgekommen und muß
mit jemandem über die Übelkeit, die ihm im Magen sitzt, reden. Er war
dabei, als einige Leichen in das Dorf zurückgebracht wurden. Von ihm
erfahre ich, daß die Armee am 10. Juni drei Leute erschossen hat. Fünf
andere, die verletzt waren, wurden verhaftet. Und vier Tage später brachte
man acht Leichen mit einem LKW zurück. Sie waren so verstümmelt, daß sie
von ihren Lieben nicht mehr erkannt werden konnten. Zwanzig Leute werden
noch vermißt. Der Journalist, der schon oft von Kriegen berichtet hat,
erzählt mir, daß die Soldaten die Leichen vom Lkw warfen, als seien sie
ein Stück Fleisch. Mir fällt wieder ein, was mir José drei Wochen zuvor
auf dem Maisfeld erzählt hatte. "Der Regierung bedeutet das Leben der
Indígenas nichts." Und noch ein weiteres Zitat fällt mir ein, diesmal vom
Sup. "Wir wollen einen gerechten Frieden, Respekt und Würde. Wir werden
nicht länger auf unseren Knien leben."

Land und Blut - die mexikanische Armee kämpft "für den Frieden"
9 Tote in San Juan de la Libertad
Wieder einmal hat die Regierung mit Zerstörung, Plünderung und
Blutvergießen auf den berühmten zapatistischen Ruf nach "Land und
Freiheit" geantwortet. Der autonome Verwaltungsbezirk San Juan de la
Libertad, der 1995 friedlich von Menschen ins Leben gerufen wurde, die
ihre Angelegenheiten selbst in die Hand nehmen wollten, außerhalb der
Kontrolle der Regierungspartei PRI, ist das jüngste Opfer auf einer Liste
von Dörfern und Verwaltungsbezirken, die von Polizei- und Militäreinsätzen
gegeißelt wurden.
Am 9. Juni um Mitternacht verließ ein Militär-/Polizeikonvoy von mehr als
1000 Mann Tuxtla Gutierrez. Sie sammelten sich in Puerto Cate im Norden,
um das Morgengrauen abzuwarten und den aufständischen Verwaltungsbezirk
anzugreifen, wo gegen 15 Bewohner Haftbefehle vorlagen, was als Vorwand
für die Operation galt. Eine Einheit übernahm den Sitz der Verwaltung in
El Bosque, die anderen drangen zu den Gemeinden Chavajeval und Unión
Progreso vor, unterstützt von Hubschraubern und einigen PRI-Paramilitärs.
Das würde die brutalste Aktion der Regierung seit dem Attentat von Acteal
im Dezember letzten Jahres werden.
CHAVAJEVAL: Hier dauerte die Auseinandersetzung von 6 bis 10 Uhr morgens.
Nach einem ersten Rückzug kam gegen 9 Uhr militärische Verstärkung und
eröffnete das Feuer auf die umliegenden Berge. 56 Menschen wurden
festgenommen, viele wurden verletzt, und ein Polizist starb. Die Operation
wurde mit dem Einsatz schwerbewaffneter Hubschrauber und Fahrzeuge
abgeschlossen, die die Berge absuchten. Einer der Hubschrauber mußte
notlanden, nachdem sein Rumpf von einer Kugel getroffen wurde.
UNIÓN PROGRESO: Was hier geschah, wurde eindeutig von der Tatsache
beeinflußt, daß sich zur Zeit des Angriffs nicht ein Journalist vor Ort
befand. Erst später traf eine Friedenskarawane ein. Auf ihrem Weg zum Dorf
traf sie auf fliehende Frauen, die berichteten, der Angriff habe begonnen,
als staatliche Sicherheitskräfte, Soldaten, Polizei und Paramilitärs in
die Gemeinde Los Plátanos eindrangen und Schüsse abfeuerten. Bei ihnen
waren zwei Personen mit vermummten Gesichtern, die auf verschiedene Leute
zeigten, die daraufhin festgenommen wurden. Mehr Lastwagen kamen an, und
schließlich machten sich 47 Militärfahrzeuge auf den Weg nach Unión
Progreso. Als sie ankamen, ließen sie die Frauen durch die Kaffeefelder
entkommen, nahmen aber die Männer fest und hielten sie für einige Zeit
auf, bis sie den meisten gestatteten, ihren Familien hinterherzueilen.
Erst abends gegen 20.30 kamen diese wieder, um Wasser zu besorgen, wagten
sich aber nicht ins Dorf und verbrachten die Nacht unter freiem Himmel.
Die Beobachter gaben bekannt, daß sämtliche Häuser des Dorfes zerstört
worden waren und das Vieh getötet worden war. Hühnerköpfe lagen auf dem
Boden verstreut. Die kleinen Dorfläden waren geplündert, und Teile des
Dreitonners - des einzigen Fortbewegungsmittels - fehlten, so daß er nicht
mehr fahrtüchtig war. Außerdem waren aus den Läden größere Geldsummen im
Wert von etwa 1000 Pesos gestohlen worden, und auch Kirche und Schule
waren zerstört.
Offiziellen Angaben zufolge starben 8 der Dorfbewohner bei diesem
Überfall, aber die Dorfgemeinschaft behauptet nachdrücklich, daß ein Mann
auf der Flucht erschossen wurde, die anderen sieben aber mit leichten
Verletzungen festgenommen worden waren. Ihre Leichen wurden drei Tage
später zurück ins Dorf gebracht; die Körper waren so schlimm zugerichtet,
daß viele von ihnen nicht einmal von ihren eigenen Familien wiedererkannt
werden konnten. "Los Federales" haben damit begonnen, ihre Gefangenen
hinzurichten.


Diez de Abril in einer Zeit des Schweigens

Bericht eines internationalen Beobachters der Irischen Mexico-Gruppe aus
Diez de Abril, Chiapas (Ende Juli 98)

Das Schweigen begann im März, als die EZLN entschied, es habe keinen Sinn,
sich mit einer Regierung einzulassen, die nicht zuhörte. Das 1996
unterzeichnete Abkommen von San Andrés blieb unerfüllt, da sich die
Regierung nicht einmal an die grundlegendsten Vereinbarungen hielt. Die
Monate vergingen, und aus dem Hauptquartier der EZLN kam nicht ein
einziges Wort, nicht vom Klandestinen Komitee und nicht vom
unverwüstlichen literarischen Kopf Sub Marcos. Er stirbt an Malaria,
munkelten die konterrevolutionären Drahtzieher, er wurde beim
Waffenschmuggel in Guatemala gefaßt, ließ die Regierungspresse
durchblicken. Das Schweigen bestimmte das politische Bild: Schweigen als
taktisches Mittel der Stärke oder Schweigen als Zeichen der Schwäche?
Unterdessen führten die Militärs eine Offensive nach der anderen gegen die
zapatistische Basis durch. Dutzende Male drangen sie in zapatistische
Gemeinden ein - in einem der aufsehenerregendsten Fälle am 11. April in
Taniperla im Autonomen Verwaltungsbezirk Flores Magon, als etwa 1000
Militärs in Morgengrauen in das Dorf einfielen, 9 Dorfbewohner
verhafteten und 12 internationale Beobachter auswiesen. Am 13. April
fielen dann um die 800 Militärs in das Dorf 10 de Abril ein, deportierten
internationale Beobachter und nahmen einen Dorfbewohner fest. Am 1. Mai
wurden in Amparo Aguatinta im Autonomen Verwaltungsbezirk Tierra y
Libertad 53 Leute festgenommen und 8 Guatemalteken ausgewiesen, am 3. Juni
gab es in Nicolas Ruiz 167 Festnahmen, und eine Woche später, am 10. Juni,
griffen die Militärs, einige mit Bazookas bewaffnet, El Bosque im
Autonomen Verwaltungsbezirk San Juan de la Libertad an, eröffneten das
Feuer auf fliehende Dorfbewohner und töteten 9 von ihnen.
Ein verhängnisvoller Tag war auch der 7. Juni, als sich die
Conai-Vermittlungskommission unter Bischof Samuel Ruiz selbst auflöste und
erklärte, sie könne in einem fast nicht existenten Friedensprozeß keine
vernünftige Vermittlerrolle ausüben. Roberto Albores Guillen, der
kriegerische Gouverneur von Chiapas, drohte aller fünf Minuten im
staatlichen Rundfunk und Fernsehen mit repressiveren Maßnahmen gegen die
'Gesetzesbrecher' - ihm unterstehen die 70.000 Militärs, die derzeit in
Chiapas stationiert sind. Die UNO-Menschenrechtsbeauftragte Mary Robinson
schlug in Anbetracht der kritischen Lage vor, ein UN-Menschenrechtsbüro in
Chiapas einzurichten. Der Druck stieg, und das Schweigen der
Zapatista-Führung blieb bestehen, ein unruhiges, unsicheres,
möglicherweise explosives Schweigen: die Menschen warteten voller
Unbehagen.
Und in Diez de Abril, unter den allgegenwärtigen tieffliegenden
Hubschraubern am Himmel, machten sich die Dorfbewohner jeden Morgen mit
ihren Hacken auf den Weg, um den harten, trockenen Boden ihrer Milpas
(Maisfelder) zu lockern. Im Mai regnete es schließlich, Monate zu spät,
und die Menschen mußten zum zweiten oder gar schon zum dritten Mal
aussähen. Im Juni wuchs endlich der Mais, langsam, und noch immer gab es
viele Zweifel, ob das eine erfolgreiche Ernte werden könnte. "Wenn du
hungrig bist, kannst du keine Revolution machen", sagte José,
EZLN-Kämpfer, und spielte mit dem Gedanken, in den Städten nach Arbeit zu
suchen.
Die erste Gruppe Jugendlicher macht sich auf, um in den Urlaubsgebieten am
Strand nach Arbeit zu suchen. Nachrichten kommen zurück von Männern, die
mehr als 12 Stunden am Tag für weniger als 1 Dollar pro Stunde arbeiten.
Aber das ist Anreiz genug; andere begannen, ihre Bündel zu packen. Im Juni
waren bereits die meisten Männer und einige Frauen gerade von ein- oder
zweimonatigen Arbeitsperioden am Strand zurückgekehrt, oder sie waren auf
dem Weg dorthin. Ironie pur: Luxushotels in neoliberalen Urlauberorten,
gebaut von Zapatistas für miserable Löhne.
Der 20jährige Palestino schaffte es, 2000 Pesos (ca. 400 DM) zu sparen, um
Adelina, Mutter seines 6 Monate alten Kindes hier in Diez de Abril,
heiraten zu können. Die 2000 Pesos sind eine Art Mitgift, die er als
Voraussetzung für eine offizielle Heirat Adelinas Familie geben muß. Bis
dahin leben sie 'in Sünde' zusammen, eine Tatsache, die von den Älteren im
Dorf mißbilligt wird.
Nach einem Monat kommt Alfredo zurück ins Dorf und hat schlechte
Nachrichten von Palestino. Dieser war, um das Ende seiner Arbeit zu
feiern, in die Stadt zum Tanzen gegangen, betrank sich extrem und ...
verlor all sein Geld, für das er einen Monat lang tagtäglich 12 Stunden
gearbeitet hatte.
Die Stimmung im Haus seiner Mutter ist verzweifelt; Doña Petra ist
schwerkrank, ihr anderer Sohn, der spitzbübische Jaime, ist verschwunden,
Gerüchten zufolge etwas mit Drogen, und Adelina hält das Baby
Rosa-Angelina im Arm und sorgt sich um die Zukunft. Seine kleine Schwester
Lupey läuft umher und schimpft fürchterlich auf ihn. Trotzdem haben sie
das Lachen aber nicht verlangt, trotz der schweren Zeiten.
Alfredo allerdings hat sein Geld nicht verloren; es handelt sich hier um
denselben Alfredo, der erst vor wenigen Monaten von der Polizei schwer
mißhandelt wurde und infolgedessen lange Zeit nicht arbeiten konnte. Er
war gezwungen, auf sein bißchen hartverdientes Geld achtzugeben ... Was
denkt er über den Strand-Erholungsort der Gringos? - Eigentlich hübsch,
sagte er, aber er mochte ihn nicht, weil die Mexikaner wie die Sklaven für
die Gringos arbeiten müssen. Er war glücklich, wieder in den Bergen bei
seiner Familie zu sein.
Drama und Tragödien im Dorf. Eines Nachts geht Antonio auf Hasenjagd. Er
stößt auf zwei junge Räuber, die sich gerade an den Hühnern des
Hühnerkollektivs zu schaffen gemacht haben. Er erwischt einen von ihnen,
aber der andere entkommt. Der Junge wird in einen Raum gleich neben dem
Friedenscamp gesperrt, der als Dorfgefängnis dient. Es stellt sich heraus,
daß der andere, der entkommen konnte, kein anderer ist als Jaime, der Sohn
von Doña Petra. Offenbar ist er zurückgekehrt, um seine kranke Mutter zu
besuchen, aber aus Angst vor der Strafe der Dorfgemeinschaft für einige
frühere Missetaten versteckte er sich in einem verlassenen Haus in den
Bergen und wartete auf einen günstigen Moment für den Besuch. Er und sein
Kumpel, ein Junge aus einem anderen Dorf, wurden aber hungrig und kamen
also auf die Idee, die Hühner zu stehlen.
Das ist eine ernste Angelegenheit für die Dorfgemeinschaft. Ein
Richterkomitee wird bestimmt, und die Diskussion dauert Tag und Nacht an,
wobei alle Betroffenen ihre Argumente hervorbringen. Die Besitzer der
Hühner, Jaimes Familie, der gefangene Jugendliche, die Verantwortlichen
des Dorfes und die Ältesten, sie alle reden lange und intensiv. Doña
Maria, die bei der Tat Geschädigte, ist außer sich und fordert unter
Tränen Gerechtigkeit - Prügelstrafe, Strafgeld, Arbeitsdienste ...
Schließlich bekommt der Jugendliche zwei Tage Arbeit zum Nutzen der
Dorfgemeinschaft. Dennoch grüßen ihn die Dorfbewohner nach wie vor,
schütteln seine Hand und schwatzen mit ihm, während er arbeitet.
Etwa in dieser Zeit war eine Gruppe farbiger US-Amerikaner im Dorf zu
Besuch. Dabei war eine junge Frau aus Los Angeles, deren Bruder dort wegen
Diebstahls im Gefängnis saß. Es ergab einen interessanten Kontrast, das
Rechtssystem der Dorfgemeinschaft und die unmenschliche Verfahrensweise,
die ihrem Bruder widerfahren war, gegenüberzustellen, der nun in einem
Gefängnis saß, das praktisch als Ausbildungsstätte für weitere Straftaten
diente ...
Diese jüngste Delegation war es, die die Probleme und Widersprüche der
internationalen Präsenz im Dorf an die Oberfläche brachte. Die Vertreter
wurden zu einer Versammlung der Dorfbewohner geladen und gefragt, warum
sie gekommen seien. Weil sie 'helfen' wollten, sagten sie. Ein Mann
fragte, ob sie Geld geben könnten. Nein, sagten sie, auch wir sind in
unserem Land arm und sind von einer regierungsunabhängigen Organisation
finanziell unterstützt worden, um herzukommen. Das stiftet Aufregung. Wenn
ihr uns helfen wollt, warum bleibt ihr dann nicht zu Hause und schickt uns
dieses Geld, sagte ein Mann. Eine Frau fragte, warum kommt ihr alle
hierher, und dann werdet ihr sowieso krank und fühlt euch nicht wohl dort
im Großen Haus? Jemand anderes sagte, warum wollt ihr auf den Feldern
arbeiten, wenn alles, was ihr dort tut, ist, eure Hände kaputtzumachen?
Gebt uns einfach Geld, das war das dominierende Argument dieser Fraktion.
Wir sind auf Einladung der EZLN gekommen, um die
Menschenrechtsverletzungen von Armee und Polizei zu beobachten und
bekanntzumachen. Wir sind aus Solidarität als Beobachter gekommen, um euer
Leben kennenzulernen und Zeugen der Unterdrückung zu sein, um zu
verhindern, was in Guatemala und in anderen Ländern geschah. Was geschah
in Guatemala und in anderen Ländern? - fragten einige der Dorfbewohner.
Sie töteten die Aufständischen und brannten ihre Dörfer nieder. Wir sind
gekommen, um eine Stimme zu sein und Ideen des Widerstandes und des
Kampfes auszutauschen. Und wenn wir Geld zusammenbekommen, sind wir auch
damit bereit zu helfen.
Es ist deutlich, daß ein Teil der Dorfbewohner von der internationalen
Präsenz nicht angetan ist. 3 oder 4 Familien, nicht mehr, versichert
Miquel, der den Erwachsenen im Dorf Lesen und Schreiben beibringt. Aber
die Delegation aus den USA ist erschüttert. Einige von ihnen wollen am
liebsten sofort wieder abfahren, andere wiederum sehen die Angelegenheit
als gesunde Demokratie in der Versammlung an, wo sich zeigte, daß die
Menschen offen über solche Sachen reden. Später kommen einige der
Dorfbewohner zum Großen Haus und erklären ihre eigene Position, daß sie
die internationale Präsenz zu schätzen wissen und, jawohl, es gibt
Probleme, aber in der Versammlung nach der Ausweisung der norwegischen
Beobachter im April hat die Dorfgemeinschaft dafür gestimmt, das
Friedenscamp zu behalten.
Die Kirche ist fast fertig; ihr Bau ging beeindruckend schnell voran. Sie
ist zu einem beeindruckenden Gebäude geworden und steht auf einem Hügel,
mit Blick über das ganze Tal. "Es ist dieselbe Arbeit, wie Hotels am
Strand zu bauen," sagt Constantino, "nur das wir es freiwillig tun, und
sieh dir an, wie schnell wir die Arbeit erledigt haben ..." Und die
Hotels? "Ach, die fallen in ein paar Jahren wieder zusammen!", lacht er
...
Und das Schweigen der Zapatistas? Die Leute antworten mit Vorsicht - Wer
weiß? Aber die meisten haben das Gefühl, das etwas Gutes dabei
herauskommen wird.
Und am 17. Juni wird das Schwiegen schließlich gebrochen ... durch ein
24seitiges Dokument von Marcos, das beschreibt, wie die Regierung den
Friedensprozeß zunichte gemacht hat, und durch ein langes Kommuniqué vom
Klandestinen Komitee mit der Fünften Erklärung aus dem Lakandonischen
Urwald und der Forderung nach einem landesweiten Plebiszit über das
Abkommen von San Andrés.
Einige hatten eine Art Guerilla-'Spektakel' als Ende des Schweigens
erwartet. Guerillakrieg in Zeiten der Hungersnot? Statt dessen werden die
Zapatistas Vertreter in alle Teile des Landes entsenden, um über ihre
Sache zu sprechen. Aus dem Schweigen erwächst eine neue politische
Initiative von unten, der Kampf geht weiter, und das Schlachtfeld weitet
sich.

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